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Faye

Faye

Das Interview wurde geführt am 1. April 2018.

Tessa Hannemann oder einfach und schön Faye ist Jahrgang 1950. Sie studierte „Freie Malerei“, Kunstpädagogik und Philosophie an der HBK und TU in Braunschweig und „Informationstechnische Grundbildung“ an der FU Berlin. Sie lebte und arbeitete in Berlin und Madrid, nahm mit der feministischen Künstlerinnengruppe „Frauen“ an internationalen Kunst-Ausstellungen teil (u.a. in San Francisco und Mexico-City), schrieb diverse Kunstrezensionen, Zeitschriftenartikel und Buchbeiträge. Sie arbeitete als Lehrerin und ist heute pensioniert.
Seit 2011 betreibt Faye eine nebenberufliche Praxis für Reiki und schamanische Heilarbeit in einem kleinen Ort nahe Berlin, wo sie bis heute lebt und auch mit anderen zusammen ein Permakultur-Projekt startete und unterhält. Seit Jahren veranstaltet und unterrichtet sie Workshops zu Themen der Magie und schamanischer Arbeit und ist Sammlerin und Bewahrerin von altem Wissen und Volksbräuchen.

 

Wie hast du zu Reclaiming gefunden? Wie sah dein vorheriger spiritueller Weg aus?

Ich beantworte diese Fragen mal in umgekehrter Reihenfolge:

Jeder Mensch wird zutiefst in seiner Kindheit geprägt, insofern wurden auch für mich vor langer Zeit schon bestimmte Weichen gestellt: Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in Niedersachsen, das bis heute mit vielen heidnischen Bräuchen lebt, ohne dass dies seinen Bewohnern oder den Organisatoren der Feste (von einem solchen soll hier die Rede sein) bewusst wäre – alles wird einfach als gute alte Tradition angesehen!
 
Am beeindruckendsten war für mich immer das dreitägige Sänger- und Schützenfest zu Pfingsten, das bis heute viele Aspekte von Beltaine aufweist, z.B. das (früher nur Männern vorbehaltene) sogenannte „Eierbacken“ am Freitag vor Pfingsten, das an großen Lagerfeuern in der Feldmark stattfindet. Die verschiedenen Gruppen sammeln schon Tage vorher das trockene Holz im Wald und entzünden dann abends die Feuer. Das sieht unheimlich und schön zugleich aus, diese vielen lodernden Feuer rings um das kleine Dorf! Nachts brachten früher dann junge Männer ihrer Angebeteten „Maigrün“, das sind große Äste frischer Birken, die sie an deren Fenster nagelten. Schabernack wurde auch getrieben: Pforten ausgehängt und versteckt, lustige „Wäsche“ auf die Leinen der Leute gehängt (z.B. alte Hüte, Gummistiefel, Bratpfannen), einmal sogar ein Kinderwagen oben auf einen Dachfirst gebracht! Da konnte man die Feen lachen hören … (Diese letzteren Bräuche gibt es in dieser Weise nicht mehr, außer dem „Eierbacken“ selbst, wobei inzwischen allerdings eher gegrillte Steaks bevorzugt werden…).
 

Die meisten Bewohner schmücken ihre Eingänge auch heute noch mit Birkenzweigen. Alle Ausgänge des Dorfes werden mit Ehrentoren überkränzt und es wird auch ein Maibaum errichtet (selbst wenn Pfingsten mal in den Juni fällt). Tanzzelte und Karussells, Zucker- und Schießbuden etc. wurden früher in einer wunderschönen Waldlichtung aufgestellt, und mit einem Umzug, voran eine Kapelle, dahinter quasi das gesamte Dorf, zogen die Menschen in den Wald hinaus, um teilweise bis in den frühen Morgen zu feiern. Die Chöre des Dorfes traten auf einer „Bühne“ aus einer Erdaufschüttung auf – das war für uns Kinder unglaublich aufregend, denn auch unser Kinderchor war mit dabei.
 

Fastnacht und Weihnachten waren weitere Höhepunkte im Jahr, beide voller Symbolkraft und Lebendigkeit. Durch diese frühkindliche Prägung des sinnenreichen Erlebens fiel es mir schon immer schwer, die freudlosen Geschichten des Religionsunterrichts und langweiligen Performances des Dorfpfarrers wirklich anzunehmen, auch regten sich vor und in der Zeit des Erwachsenwerdens bereits „feministische Reaktionen“ auf die unterschiedliche bis ungerechte Behandlung/Begünstigung von Jungen gegenüber Mädchen in mir (ich bevorzuge eigentlich den alten Ausdruck „Maid, Maiden“, denn Mädchen sind keine Sache/n (Artikel: „das“), sondern urweiblich…). Ich stieg also in die feministische Bewegung ein, suchte nach weiblicher Orientierung und fand sie unerwartet bei der Lektüre von der „Griechische(n) Mythologie Bd. I und II“ von Robert Graves. Dass es einmal Göttinnen gegeben hatte (und auch noch so enorm viele!), das war für mich einfach wunderbar und wegweisend! Etwa 1986 gelangte ich auf Umwegen zu Starhakws Buch „Der Hexenkult als Ur-Religion der Großen Göttin“, und damit war ich spirituell „zu Hause“ angekommen. Ich habe dieses Buch immer wieder durchgearbeitet, noch heute lese ich gerne darin, auch wenn das ein oder andere von neuerer Forschung überholt wurde, aber das ergänzt der Verstand einfach automatisch.
 

Es dauerte dann aber noch viele Jahre, bis ich zur Reclaiming-Gemeinschaft fand, da ich in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts sechs Jahre in Spanien lebte und nach meiner Rückkehr erstmal sehr viel anderes zu tun hatte, hauptsächlich mit der Wiederanpassung an die deutsche Mentalität…
Ich fand über die Reclaiming – Webseite zum „Schwanenkreis“ in Berlin, dem ich 2006 beitrat und mit dem ich insgesamt fast vier Jahre zusammen arbeitete. Nach den „12 wilden Schwänen“ lasen und ritualisierten wir noch „Die Wolfsfrau“ von Clarissa Estés, dann leider nur noch die Anfänge von „The Earthpath“ von Starhawk.
Parallel dazu nahm ich an einer kabbalistischen Pfadarbeit in Verbindung mit dem Tarot teil, und aus dieser Gruppe entstand dann 2007 die Ritualgruppe für Jahreskreisfeste, die später eine Reclaiming-Ortsgruppe wurde und der ich als einziges Gründungsmitglied bis heute angehöre.

Was bedeutet Reclaiming für dich? Was hat dich am meisten daran angezogen? Warum bist du dabei geblieben?

Mich zog am meisten und bis heute die Freiheit an, selbst zu gestalten und zu entscheiden, was ich wann und wie lernen und durchführen möchte („sei deine eigene spirituelle Autorität!“). Etwas anderes wäre für mich auf Grund meines Alters und meiner Erfahrungen auch nicht mehr in Frage gekommen. Auch das schamanische Weltbild des Hexenglaubens – das Leben in jeder Form, sei es Pflanze, Tier oder Mensch, Wasser, Boden oder Luft als gleichermaßen wertvoll und miteinander verbunden anzusehen – und die schamanischen Techniken des Trommelns, der Räucherungen, der Ekstase und der Trance, sowie die Würdigung aller Sinne im Ritual, das Eintauchen in die nicht-alltägliche Wirklichkeit, wie Carlos Castaneda es nannte, das alles fand ich zunächst bei Reclaiming und es bedeutet mir nach wie vor sehr viel! Wahrnehmung und Erlebnisfähigkeit verändern sich in Ritualen, werden feiner, intensiver und begünstigen das Wirken der Magie. Du kannst erfahren, wie die Kraft in der Gemeinschaft Gleichgesinnter zunimmt und wie Bewusstseinserweiterung einfach „passiert“, das ist großartig und bereichernd.

Welche Rolle spielt die Spiritualität in deinem täglichen Leben? Wie verbindest du Reclaiming mit deinem Alltag?

Spiritualität und Philosophie sind immer präsent in meinem Leben, der Tag fängt bereits mit einer Bewegungsmeditation an, manchmal ende ich sie mit dem Eisenpentagramm, abends oder auch morgens mache ich regelmäßig Atemmeditationen. Ein Teil meines Tages ist praktischer Arbeit gewidmet, die sich sowohl in Aktivitäten für Mutter Erde ganz direkt innerhalb eines Permakultur-Projektes, das ich nahe meinem Wohnort betreibe, ausdrückt, aber auch in politischen Aktionsformen wie Teilnahme an Demonstrationen, Entwurf und Durchführung von Zeremonien an den monatlich stattfindenden Tagen für die Segnung des Wassers (immer am 22. eines Monats), und auch in der Aufnahme suchender Menschen in den offenen Stammtisch „Heidenspaß“, den ich vor ca. elf Jahren mit anderen begründete, sowie bei ernsthaftem Interesse auch Aufnahme in die Reclaiming-Ritualgruppe Berlin-Brandenburg, mit der ich seit ebenfalls elf Jahren (s.o.) alle acht Jahreskreisfeste feiere. Ich lese und sammle viele Informationen, sowohl alles, was man unter „Altem Wissen“ verstehen kann, als auch Bücher über neuere Forschungen, Lebenswege, archäologische Funde u.v.m., was ich zu gegebenen Anlässen in die Arbeit der Gruppe mit einbringe. Nachts schaue ich bei klarem Himmel dann gerne zu den Sternen auf…

Welchen Platz hast du in der Reclaiming Gemeinschaft? Wie hast du ihn gefunden bzw. bist hineingewachsen?

Mein Platz ist in erster Linie regional in der Heidenspaß- und der Ritualgruppe. Ich helfe „Neuen“ beim Einstieg in die spirituelle Arbeit, gebe manchmal Workshops und gerne auch „Starthilfe“ beim Aufbau neuer Arbeitsgruppen. Vor einigen Jahren übernahm ich die Neuerstellung und Pflege unserer Webseite, deren Inhalte von einer kleinen Arbeitsgruppe, den „Webhexen“, konzipiert wurden und in der ich meine künstlerischen, wissenschaftlichen und informationstechnologischen Kompetenzen einbringen konnte. Das Design wurde von einer künstlerisch sehr begabten jungen Freundin entwickelt, die einige Jahre Mitglied der Ritualgruppe war. Mir war und ist eine durch Ästhetik auffallende und durch interessante Inhalte herausragende Präsentation von Reclaiming über die Webseite wichtig, daran arbeite ich sehr gerne!

Was sind deine Wünsche und Träume in Hinblick auf Reclaiming für die Zukunft?

Ich wünsche mir mehr Aufmerksamkeit für körperlich und geistig beeinträchtigte Menschen (ja, auch letztere haben „Seelenhunger“ und treten aus ihrem „stillen Kämmerlein“ heraus), die zumindest hier in Berlin vermehrt zu Reclaiming streben, seit wir 2015 das erste Mal als Teil des heidnischen Bündnisses „Pagane Wege und Gemeinschaften“ innerhalb der „Lange(n) Nacht der Religionen“ als Reclaiming – Gruppe Berlin-Brandenburg teilnahmen und seitdem auch manchmal öffentliche Rituale bei den Global Stones veranstalteten.
Älterwerden und Altersarmut sind ebenfalls Themen, die auf uns zukommen und die wir uns bewusst machen sollten, damit wir rechtzeitig Strukturen schaffen, die den Zugang für alle Interessierten zu unseren Veranstaltungen ermöglichen. Das gilt auch für Familien mit Kindern, die momentan eher wenig Chancen haben, z.B. an einem Camp teilzunehmen.
Aber das Leben und Wirken ist ein Prozess, ist Bewegung, ist Wandel. Ich vertraue auf die schöpferischen, spirituellen und damit auch sozialen Kräfte der Reclaiming-Gemeinschaft!